Kinder ähneln ihren Eltern, ist das nicht verrückt? „Ich hatte gestern Elterngespräch mit den Eltern von Hannah. Nach 2 Minuten mit der Mutter war mir alles klar. Da brauchst du dich nicht wundern, warum Hannah sich so verhält!“ Nicht selten habe ich rückblickend nach Elterngesprächen ähnlich gedacht und es häufig von Kolleg:innen gehört. Im Subtext schwingt dabei einerseits Erleichterung mit, die (vermeintliche) Verhaltensursache erkannt zu haben, dass das Verhalten damit erklärbar scheint und ich als Pädagog:in nichts dafür kann. Gleichzeitig schwingt eine mitunter wenig wertschätzende Haltung gegenüber den merkwürdigen, eigentlich abzugewöhnenden Eigenheiten eines Kindes vice versa der Eltern mit. Dass Kinder ihren Eltern ähneln, liegt jedoch in mehrfacher Hinsicht in der Natur der Sache, nicht nur biologisch gesehen. Sorgeberechtigte und Kinder verbringen den Alltag miteinander, leben zusammen, wenn auch manchmal nur wochenweise. Gemäß traditioneller Lerntheorien lernen Kinder u.a. am Modell, also vor allem von den Menschen, mit denen sie zusammenleben…

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Das Klischee der Lehrperson als Einzelkämpfer:in hält sich wacker und wurde in einer 2018 veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Schulakademie bestätigt. Die Mehrheit der Lehrer:innen bereiteten ihren Unterricht eher allein vor als im Team, was vor allem den Rahmenbedingungen geschuldet sei. Fehlende gemeinsame Präsenzzeiten und Räume erschweren eine Kooperation enorm. Trotz einiger sehr erfolgreicher Teamteachingformate oder Jahrgangsteams an Einzelschulen ist es immer noch an den allermeisten Regelschulen Standard, dass eine Lehrperson Unterricht, Elternabende, Gespräche mit Lernenden oder Eltern allein vorbereitet, hält und auswertet. Dabei gibt es zwar viele Pädagog:innen, die sich mehr Kooperation wünschen, ihr aber auch aus verschiedenen Gründen kritisch gegenüber stehen. „Das hier ist Krieg, den Sie jeden Tag neu gewinnen müssen.“ Die Metapher „Einzelkämpfer:in“ impliziert ein Rollenbild, in dem es darum geht, ein Gefecht zu gewinnen und ich frage mich, gegen wen. Kämpft die Lehrperson gegen die Schüler:innen? Gegen deren Unwissen? Gegen deren Übermacht? Gegen das…

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Ich gebe zu, dass mir der Begriff des Adultismus erst vor einigen Monaten begegnet ist, obwohl ich mit der Form des veräußerlichten und verinnerlichten Adultismus mehr als vertraut bin (Das ist erschreckend nach über 12Jahren im Schuldienst und 6 Jahren Studium!). Für alle, für die der Begriff an dieser Stelle neu ist, möchte ich ihn kurz erläutern. Adultismus ist eine Diskriminierungsform, bei der es eine Machtungleichheit und eine Ungleichbehandlung zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Adultistische Verhaltensweisen, Denkmuster und Äußerungen lassen sich wohl am einfachsten daran erkennen, dass wir sie bei Erwachsenen niemals so tätigen würden. „Muss ich dir alles dreimal sagen?“ Nun halte ich beim Schreiben bereits inne und gehe den gestrigen Tag mit meinen Kindern durch. Welche Sätze habe ich verwendet, die genau genommen eigentlich schon adultistisch sind? Ich stelle immer wieder mit Erschrecken fest, wie tief die adultistische Haltung doch sitzt, so sehr ich mich damit auch auseinandersetze…

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In den letzten Tagen habe ich mich mit Vertreter:innen fast aller Beteiligten des Schulsystems ausgetauscht: Eltern, Lehrpersonen, Lernende, Schulleitungen. Dabei spielt es keine Rolle, mit wem ich gesprochen habe: Sie scheinen fast alle am absoluten Limit. Es eint sie ein Gefühl der Ohnmacht, Überforderung, Frust, Druck und Stress. Alle zerreißen sich und können doch niemals den Erwartungen gerecht werden. Schon beim Schreiben machen sich in mir Druck und Anspannung breit. Gleichzeitig werden auf den sozialen Netzwerken und Tageszeitungen Brandbriefe, Mahnungen, Analysen und Statistiken zum Thema Homeschooling, Distanzlernen und Digitalisierung in Schule geteilt. Mitunter scheint es ein PingPong-Spiel an Vorwürfen zu sein: Vorwurf an DIE SCHULE- Vorwurf an Politiker:innen- Vorwurf an DIE LEHRER- Vorwurf an DIE DA OBEN- Vorwurf an die Eltern- – Vorwurf an DIE JUGEND- Matchball- Vorwurf an Lernende- Vorwurf an DIE GESELLSCHAFT- Vorwurf an die Politiker:innen∞. Schon beim Schreiben machen sich in mir Druck und Anspannung breit. Ich…

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Zu Beginn der letzten Sommerferien, an die sich eigentlich eine Elternzeit anschließen sollte, werde ich auf eine Ausschreibung aufmerksam: Programmmitarbeit für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Projekt „Erfolg macht Schule“, in dem Einzelschulen in vielfältiger Form in ihrem Schulentwicklungsprozess begleitet werden. Meine Vision, in einer Organisation mit Schulbezug tätig zu sein und gleichzeitig selbstständig Workshops und Coaching anzubieten, wird auf einmal ganz konkret. Ich bewerbe mich. Es ist die erste Bewerbung seit Jahren und ich lese erstmal nach, wie mittlerweile Lebensläufe und Anschreiben verfasst werden. Zu den letzten 9 Jahren kann ich kein Arbeitszeugnis vorlegen, höchstens den Beurteilungsbogen aus meiner letzten Beurteilungsrunde 2014, in dem die Kreuze, zumindest in Thüringen, mehr oder weniger so gesetzt werden, wie sie den Schulleiter*innen  durch die Administration prozentual vorgegeben werden, aber das ist ein anderes Thema. Für Sie immer noch Du! Voller Vorfreude bereite ich mich auf das Gespräch vor, zu dem ich…

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Meine Tochter und mein Sohn streiten sich, es fließen Tränen. Wir sind alle 3 in der Küche. Während der eine mit der Spielkasse am Küchentisch vergnügt Einkaufen spielt, nimmt die andere plötzlich die Kasse weg. Mein Sohn wird wütend und traurig, kommt zu mir und erzählt von der weggenommenen Kasse, die es erst kürzlich zum Geburtstag gab. Meine Tochter bedauert, dass ihr Bruder sie geschenkt bekommen hat und recht häufig alleine damit spielen will. Sie wollte also auch mal Geld kassieren und ohne das befürchtete Nein einfach damit spielen. Die Situation kann aufgelöst werden, beide bestätigen den Ablauf, Tränen trocknen und die Kasse wird wieder zum Einkaufen benutzt. Ich habe mich auf der Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation der 4 Schritte bedient und den Streit begleitet. Zahlen, Daten, Fakten Als erster Schritt in der GFK gilt es eine Beobachtung mitzuteilen. Dabei wird oft der Vergleich mit einer Kamera oder einer Drohne…

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Schon vor Beginn des Referendariats erfolgt häufig ein ritueller Quasi-Abschied aus dem normalen Leben. Horrorgeschichten von Referendar*innen, die verlassen werden, sich nicht mehr mit Freund*innen treffen können, weil sie die Nacht am Schreibtisch verbringen, um überflüssige seitenlange Unterrichtsentwürfe zu verfassen und schließlich die Angst vor den Fachleiter*innen und  der Schülerschaft, die nur darauf wartet, die Grenzen der angehenden Lehrkraft täglich brutal zu testen. Ich habe das Referendariat vor 12 Jahren absolviert und … überlebt. Auch wenn die Einleitung in Teilen überspitzt formuliert ist ( 2-3 Stunden Schlaf waren auf jeden Fall drin!), so ist es eine besonders intensive Zeit gewesen, aus der viele meiner Kommiliton*innen verändert herausgegangen sind. Meine Freude am Lernen, am In Beziehung Treten mit Erwachsenen und Kindern als Lernende, hat mich dazu bewogen, 2013 am Studienseminar als Fachleiterin für das Fach Französisch anzufangen. Staatlich finanziertes Coaching? Fachleiter*innen haben neben der Gestaltung von pädagogischen und fachdidaktischen Seminaren die…

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