Kennst du das, wenn du ein Sachbuch liest und den Eindruck hast, dass du das perfekte Buch genau zum richtigen Zeitpunkt liest und du gerne den Autor:innen bei jeder zweiten Seite danken möchtest, weil sie genau die Fragen aufgreifen, die dich gerade beschäftigen? So ging es mir bei meiner Urlaubslektüre des 2. Buches von Danielle Graf und Katja Seide.[1] In den letzten Wochen hat unsere Tochter, bald 7, nicht nur ihren ersten Milchzahn verloren, sondern auch allerlei Entwicklungsschritte durchlebt, die sich eins zu eins im Buch wiederfinden. Sei es der vermehrte Wunsch nach mehr Autonomie (selbstständig das Brötchenfrühstück vorbereiten inklusive Gang zum Bäcker mit dem kleinen Bruder, alleine mit dem Fahrrad von der Kita nach Hause fahren etc.) oder das heimliche Mitnehmen von Spielzeug anderer Kinder: Im Buch von Danielle Graf und Katja Seide habe ich nicht nur interessante neurowissenschaftliche Informationen, sondern praktische Anregungen und ermutigende Impulse zu alltäglichen Situationen…

Weiterlesen

Kinder ähneln ihren Eltern, ist das nicht verrückt? „Ich hatte gestern Elterngespräch mit den Eltern von Hannah. Nach 2 Minuten mit der Mutter war mir alles klar. Da brauchst du dich nicht wundern, warum Hannah sich so verhält!“ Nicht selten habe ich rückblickend nach Elterngesprächen ähnlich gedacht und es häufig von Kolleg:innen gehört. Im Subtext schwingt dabei einerseits Erleichterung mit, die (vermeintliche) Verhaltensursache erkannt zu haben, dass das Verhalten damit erklärbar scheint und ich als Pädagog:in nichts dafür kann. Gleichzeitig schwingt eine mitunter wenig wertschätzende Haltung gegenüber den merkwürdigen, eigentlich abzugewöhnenden Eigenheiten eines Kindes vice versa der Eltern mit. Dass Kinder ihren Eltern ähneln, liegt jedoch in mehrfacher Hinsicht in der Natur der Sache, nicht nur biologisch gesehen. Sorgeberechtigte und Kinder verbringen den Alltag miteinander, leben zusammen, wenn auch manchmal nur wochenweise. Gemäß traditioneller Lerntheorien lernen Kinder u.a. am Modell, also vor allem von den Menschen, mit denen sie zusammenleben…

Weiterlesen

Das Klischee der Lehrperson als Einzelkämpfer:in hält sich wacker und wurde in einer 2018 veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Schulakademie bestätigt. Die Mehrheit der Lehrer:innen bereiteten ihren Unterricht eher allein vor als im Team, was vor allem den Rahmenbedingungen geschuldet sei. Fehlende gemeinsame Präsenzzeiten und Räume erschweren eine Kooperation enorm. Trotz einiger sehr erfolgreicher Teamteachingformate oder Jahrgangsteams an Einzelschulen ist es immer noch an den allermeisten Regelschulen Standard, dass eine Lehrperson Unterricht, Elternabende, Gespräche mit Lernenden oder Eltern allein vorbereitet, hält und auswertet. Dabei gibt es zwar viele Pädagog:innen, die sich mehr Kooperation wünschen, ihr aber auch aus verschiedenen Gründen kritisch gegenüber stehen. „Das hier ist Krieg, den Sie jeden Tag neu gewinnen müssen.“ Die Metapher „Einzelkämpfer:in“ impliziert ein Rollenbild, in dem es darum geht, ein Gefecht zu gewinnen und ich frage mich, gegen wen. Kämpft die Lehrperson gegen die Schüler:innen? Gegen deren Unwissen? Gegen deren Übermacht? Gegen das…

Weiterlesen

Ich gebe zu, dass mir der Begriff des Adultismus erst vor einigen Monaten begegnet ist, obwohl ich mit der Form des veräußerlichten und verinnerlichten Adultismus mehr als vertraut bin (Das ist erschreckend nach über 12Jahren im Schuldienst und 6 Jahren Studium!). Für alle, für die der Begriff an dieser Stelle neu ist, möchte ich ihn kurz erläutern. Adultismus ist eine Diskriminierungsform, bei der es eine Machtungleichheit und eine Ungleichbehandlung zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Adultistische Verhaltensweisen, Denkmuster und Äußerungen lassen sich wohl am einfachsten daran erkennen, dass wir sie bei Erwachsenen niemals so tätigen würden. „Muss ich dir alles dreimal sagen?“ Nun halte ich beim Schreiben bereits inne und gehe den gestrigen Tag mit meinen Kindern durch. Welche Sätze habe ich verwendet, die genau genommen eigentlich schon adultistisch sind? Ich stelle immer wieder mit Erschrecken fest, wie tief die adultistische Haltung doch sitzt, so sehr ich mich damit auch auseinandersetze…

Weiterlesen

Beziehungslernen erscheint mittlerweile als ein fester Begriff und in den letzten Wochen ist er immer präsenter und greifbarer geworden. Beispielsweise in dem unglaublich spannenden Vortrag von Nina Bremm zur Fachtagung der DKJS zu Schulen in herausfordernder Lage, in dem nochmal ganz deutlich wurde, welchen Einfluss gelingende Beziehungen auf die Gesundheit aller Beteiligten haben. Sei es das virtuelle Lernatelier von Intushochdrei oder einfach nur der Hastag: Beziehungslernen ist nicht mehr wegzudenken. Nun stellt sich für die Praxis gleich viele Fragen: Wie kann ich im Rahmen des Regelschulsystems aktiv Beziehungslernen gestalten? Mit welchen Methoden und Gestaltungsmöglichkeiten kann ich im oft stressigen Schulalltag wirklich in Beziehung zu treten? Für mich ist die gewaltfreie Kommunikation dafür ein sehr praktisches Tool, denn sie liefert Haltung und konkrete Formulierungshilfe in einem. In der Podcastfolge #084 des Podcasts zur Zirkus- und Theaterpädagogik von und mit Mark Kitzig erläutere ich das Ganze etwas genauer.

In den letzten Tagen habe ich mich mit Vertreter:innen fast aller Beteiligten des Schulsystems ausgetauscht: Eltern, Lehrpersonen, Lernende, Schulleitungen. Dabei spielt es keine Rolle, mit wem ich gesprochen habe: Sie scheinen fast alle am absoluten Limit. Es eint sie ein Gefühl der Ohnmacht, Überforderung, Frust, Druck und Stress. Alle zerreißen sich und können doch niemals den Erwartungen gerecht werden. Schon beim Schreiben machen sich in mir Druck und Anspannung breit. Gleichzeitig werden auf den sozialen Netzwerken und Tageszeitungen Brandbriefe, Mahnungen, Analysen und Statistiken zum Thema Homeschooling, Distanzlernen und Digitalisierung in Schule geteilt. Mitunter scheint es ein PingPong-Spiel an Vorwürfen zu sein: Vorwurf an DIE SCHULE- Vorwurf an Politiker:innen- Vorwurf an DIE LEHRER- Vorwurf an DIE DA OBEN- Vorwurf an die Eltern- – Vorwurf an DIE JUGEND- Matchball- Vorwurf an Lernende- Vorwurf an DIE GESELLSCHAFT- Vorwurf an die Politiker:innen∞. Schon beim Schreiben machen sich in mir Druck und Anspannung breit. Ich…

Weiterlesen

Im Anschluss an eine Hospitation wird eine Unterrichtsstunde gemeinsam mit der zukünftigen Lehrkraft in Bezug auf unterschiedliche Faktoren ausgewertet. Grundlage sollte dabei immer der wertschätzende Blick auf einen individuellen Entwicklungsprozess und die höchst unterschiedlichen Rahmenbedingungen sein (Verhältnis zur fachbegleitenden Lehrkraft, Einsatz an der Ausbildungsschule, private Umstände, Ausbildungskontext, Verhältnis zum Fachleiter/der Fachleiterin etc.). Auch wenn ich diese Gespräche nun nicht mehr führe, so höre ich mich doch noch so oft nach der ersten Stunde sagen: „Versuchen Sie, Ihre Rückmeldungen mehr zu variieren, auch mal durch Gestik und Mimik!“ Also versuchten die Referendar:innen dann in der Folgestunde variantenreicher zu loben : „ Très bien! Super! Correct! Voilà! C’est ҁa!“ und nickten und lächelten verhalten oder auch mal deutlicher. Während ich das hier aufschreibe, wird mir nochmal viel bewusster, wie absurd das eigentlich war. Ich würde heute diese Empfehlung nicht mehr so aussprechen, schon allein, weil wir als Berufseinsteiger:innen so viele Erwartungen erfüllen…

Weiterlesen

Pünktlich zum Jahreswechsel rückt nicht nur das Halbjahreszeugnis in den Blick der Lehrkräfte, sondern -zumindest in Thüringen- auch das anstehende Lernentwicklungsgespräch (LEG) eines jeden Lernenden bis einschließlich Klasse 9. An diesem Gespräch nehmen neben dem Lernenden mindestens eine sorgeberechtigte Person sowie in der Regel der Klassenlehrende teil. Ziel ist der Austausch über den Lernstand des Kindes auf der Grundlage einer Selbsteinschätzung sowie der gebündelten Fremdeinschätzung durch die Lehrkraft. Es wird mindestens eine Zielstellung formuliert, die dann wiederum zum Schuljahresende oder spätestens zum nächsten LEG evaluiert wird. Nun kann man zunächst einmal wertschätzend bemerken, dass es doch mehr als fortschrittlich ist, dass es neben dem Ziffernzeugnis in der Regelschule[1] sogar ein gesetzlich verankertes individuelles Beratungsgespräch gibt, in dem die Selbstkompetenz der Lernenden in mehrfacher Hinsicht gefördert wird und der Lernprozess so langfristig und nachhaltig in den Blick genommen wird. Oder man macht ein kleines Unterhaltungsexperiment und erwähnt das Wort LEG bei…

Weiterlesen

Es ist der letzte Schultag und während die Schüler*innen mit ihren Zeugnismappen im Ranzen jubelnd durch die Schultür gen Ferien stürmen, treffen sich alle Lehrer*innen zur letzten Dienstberatung des Schuljahres. Mitunter herrscht eine heitere Stimmung, Erleichterung über das Geschaffte und teilweise auch große Erschöpfung und Traurigkeit über Kolleg*innen, Referendar*innen oder Praktikant*innen, die verabschiedet werden. Es gibt Blumen, Präsente und Lob. Das zurückliegende Schuljahr wird nochmal querbeet durch die Fachschaften beleuchtet. Welche Plätze haben Schüler*innen beim städtischen Basketball- oder Fußballturnier belegt? Welche Fremdsprachenwettbewerbe wurden erfolgreich bewältigt? Vielleicht gab es sogar einen Geschichtswettbewerb oder ein anderes medienwirksames Projekt, das nochmal hervorgehoben werden soll? Welche Chorauftritte und Theateraufführungen bleiben im Gedächtnis? Den vielen beteiligten Kolleg*innen, die sich über ihr normales Stundendeputat hinaus mit Aufwand, Zeit, und Organisationen engagiert haben, wird Dank ausgesprochen. Je nach Schulleitung und Redner*in kann das Lob eher spartanisch ausfallen („Nicht kritisiert ist genug gelobt“) oder etwas ausführlicher. Dann gibt…

Weiterlesen

Zu Beginn der letzten Sommerferien, an die sich eigentlich eine Elternzeit anschließen sollte, werde ich auf eine Ausschreibung aufmerksam: Programmmitarbeit für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Projekt „Erfolg macht Schule“, in dem Einzelschulen in vielfältiger Form in ihrem Schulentwicklungsprozess begleitet werden. Meine Vision, in einer Organisation mit Schulbezug tätig zu sein und gleichzeitig selbstständig Workshops und Coaching anzubieten, wird auf einmal ganz konkret. Ich bewerbe mich. Es ist die erste Bewerbung seit Jahren und ich lese erstmal nach, wie mittlerweile Lebensläufe und Anschreiben verfasst werden. Zu den letzten 9 Jahren kann ich kein Arbeitszeugnis vorlegen, höchstens den Beurteilungsbogen aus meiner letzten Beurteilungsrunde 2014, in dem die Kreuze, zumindest in Thüringen, mehr oder weniger so gesetzt werden, wie sie den Schulleiter*innen  durch die Administration prozentual vorgegeben werden, aber das ist ein anderes Thema. Für Sie immer noch Du! Voller Vorfreude bereite ich mich auf das Gespräch vor, zu dem ich…

Weiterlesen

10/18