Lernen nachhaltig gestalten – was bleibt eigentlich wirklich?

Lernen nachhaltig gestalten – was bleibt eigentlich wirklich?

„Lernen nachhaltig gestalten“ – dieser Satz begleitet meine selbstständige Tätigkeit von Anfang an. Er steht auf meiner Website, in Konzepten, unter Angeboten. Immer mal wieder habe ich  überlegt, den Satz zu streichen. Nicht nur, weil „nachhaltig“ inzwischen oft wie ein Buzzword wirkt – etwas abgenutzt und manchmal fast inhaltsleer. Man könnte kritisch fragen: Sollte Lernen nicht grundsätzlich nachhaltig sein?

Gleichzeitig verweist dieser Satz immer auch auf meinen Erstberuf als Lehrerin – einen Teil meiner beruflichen Geschichte, den ich nach meinem Ausstieg aus dem Schuldienst lange lieber auf Abstand gehalten hätte. Wie kann ich mir andere Kontexte und Rollen erschließen, wenn meine Außendarstellung so stark nach Lehrerin klingt?

Ich habe das Schulsystem als Lehrkraft aus vielen Gründen verlassen. Und ich weiß bis heute sehr klar, dass ich nicht zurückmöchte. Lange Zeit überwogen bei mir vor allem die anstrengenden Erinnerungen: Leistungsdruck, Notengebung, fehlende Autonomie, Strukturen, die oft nicht mit meinen Werten übereinstimmten.

Als ich begann, beruflich neue Wege zu gehen, konnte ich zunächst kaum sehen, welchen Wert meine zwölf Jahre im Schulsystem eigentlich hatten. Zu sehr war mein Blick auf das gerichtet, woran ich mich gerieben hatte.

Mit meiner Tätigkeit bei der Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Programm „Erfolg macht Schule“ begann gleichzeitig der Aufbau meiner Selbstständigkeit. Heute arbeite ich seit mehreren Jahren hauptberuflich als Supervisorin, Referentin, Moderatorin und Coachin und begleite Menschen, Teams und Organisationen in ihren Entwicklungsprozessen.

Vor einigen Wochen erhielt ich vom Paritätischen Thüringen eine Mail mit einer Themen- und Buchempfehlung: Was Trainings wirklich wirksam macht von Ina Weinbauer-Heidel.

Buchempfehlungen kann ich selten widerstehen. Also wurde die Lektüre für die Ostertage bestellt. Ich verschlang das Buch innerhalb weniger Stunden – mit Neugier, Freude und dem Wunsch, vieles direkt auszuprobieren. Die Verbindung aus Wissenschaft, Theorie und praktischer Anwendung hat mich sofort angesprochen. Gleichzeitig dachte ich beim Lesen immer wieder: Vieles davon mache ich eigentlich längst. Die beschriebenen Stellhebel der Transferwirksamkeit kamen mir erstaunlich vertraut vor. Lerninhalte relevant und anschlussfähig gestalten, Selbstwirksamkeit fördern, echtes Anwenden ermöglichen, Motivation stärken, Reflexionsräume öffnen oder Lernen sozial verankern – all das begleitet meine Arbeit schon lange. Auch die Frage, wie konkrete Umsetzung im Alltag gelingen kann, beschäftigt mich in nahezu jeder Veranstaltung. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Mit vielen dieser Aspekte hatte ich mich bereits als Lehrerin und Fachleiterin intensiv beschäftigt – lange bevor ich im Weiterbildungskontext von Transferwirksamkeit sprach.

Während des Lesens wurde mir plötzlich klar, dass mich viele dieser Fragen schon in meiner Zeit als Lehrerin begleitet hatten. Eigentlich ging es mir damals bereits darum, Lernen so zu gestalten, dass Menschen Inhalte nicht nur kurzfristig aufnehmen, sondern wirklich nutzen können.

Ich merkte, wie sehr mein eigenes Hadern mit Schule und Schulsystem auch den Blick auf meine Kompetenzen überlagert hatte. Ich hatte fast vergessen, dass ich dort vieles gelernt habe, das meine heutige Arbeit beeinflusst. Kompetenzorientiertes Lernen, Motivation, Aktivierung, Übung, Differenzierung – all das begleitet mich bis heute. Vielleicht musste ich erst Abstand gewinnen, um das wieder sehen zu können.

Heute lege ich die 12 Stellhebel der Transferwirksamkeit ganz bewusst als Maßstab an meine Workshops, Prozesse und Veranstaltungen an. Nicht im Sinne einer Checkliste, sondern als Haltung. Mir ist einerseits wichtig, dass sich die Menschen in meinen Formaten sicher und wohl fühlen. Gleichzeitig soll es einen hohen Trainingstransfer geben, dass „Teilnehmende Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen, die sie im Training erworben haben, im Arbeitskontext effektiv einsetzen.“ [1] Die Inhalte, Impulse und konkreten Strategien sollen anschlussfähig sein, die Handlungssicherheit stärken und je nach Anwendungsmöglichkeit auch den Weg in den Alltag finden. Das ist nicht immer leicht, weil manchmal auch Aufträge dabei sind, bei denen in möglichst sehr wenig Zeit („2 Stündchen“) maximaler Trainingstransfer stattfinden soll. Natürlich braucht es hier meinerseits eine sehr gute Auftragsklärung vorab, Erwartungstransparenz und ggf. auch konsequentes Absagen bestimmter Anfragen.

Aber egal wie klar ich Erwartungen zu Beginn kläre, es bleibt oft die Hoffnung, dass mithilfe des Trainings etwas erreicht werden kann, dass sich wirksam auf das operative Geschäft auswirkt und langfristig Wirkung zeigt. Schließlich ist ein Training kostenintensiv – nicht nur monetär gesehen. Wie schnell könnte ich als Referentin verführt werden, doch den alles lösenden rettenden Impuls zu geben, der 1 zu1 übertragbar ist und damit als Zauberschlüssel alle Schwierigkeiten löst. 

Doch nun sitzen 6 bis 20 Menschen in der Veranstaltung, mit unterschiedlichsten Voraussetzungen und Motivationslagen, Anwendungsmöglichkeiten und Erwartungen. Das berücksichtige ich in meiner Planung und der Durchführung. Den nächsten Schritt müssen die Teilnehmenden dann selbst tun. Denn sie sollen ganz im Sinne der Selbstwirksamkeit „selbst am Steuer des Lebens sitz[en].“ (S. 48).

Schließlich bin ich davon überzeugt, dass jeder noch so kleine Schritt eine Möglichkeit ist, etwas in Bewegung zu bringen, etwas zu verändern. Dafür braucht es jedoch ein Training, dass auch der Transferplanung Raum gibt und Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit, Anwendung und Reflexion bietet.

Aus der Lektüre ist inzwischen nicht nur ein Transferplanungsfolder für meine Veranstaltungen entstanden, sondern auch ein erneuertes Bewusstsein dafür, wie wichtig transferwirksames Lernen für mich schon immer war.
Vielleicht erinnere ich mich gerade einfach wieder daran, was mich als Lehrerin eigentlich ausgemacht hat.


[1] Aus: Weinbauer-Heidel, Ina (2016): Was Trainings wirklich wirksam macht. 12 Stellhebel der Transferwirksamkeit. Hamburg. S. 10.